Leseprobe Götterlicht

KAPITEL 1

NATASSYA

Ruckartig setzte ich mich auf, mein eigener Schrei hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Das Herz in meiner Brust raste und suchte sich einen Weg, um dem Kerker aus Knochen zu entfliehen. Mich zu beruhigen und meine Atmung zu regulieren, fiel mir schwer. 

Mit der Hand tastete ich neben mich und spürte das klamme Laken. Ich war in meinem Bett. Auf dem Nachttisch brannte eine Kerze, deren flackerndes Licht feine Schatten auf meine Beine warf. Mein Blick fiel auf das Buch, welches auf der Decke lag. Auf dem Einband war eine Baumgruppe zu sehen. Nachdenklich betrachtete ich es und griff danach. Eine Liebesgeschichte, die sich in den Tiefen eines Waldes abspielte. Fabelwesen, die zueinanderfanden und vor einem Baum ihre Liebe gelobten. 

Mit den Gedanken an die Geschichte kam die Erinnerung an den Traum. Ich war der Anhöhe nähergekommen, und hatte einen Blick auf den bunt schimmernden Baum werfen dürfen. Furcht erfüllte mich und ließ meinen Puls einen Takt schneller schlagen. Als ich ihn gesehen hatte, war die Angst zu meinem steten Begleiter geworden. Vaters sorgenvoller Gesichtsausdruck, gefolgt von der Ernüchterung, dass ich den Baum nicht rechtzeitig erreichen würde … der Anblick hatte sich in meine Erinnerung gebrannt. Und dann dieses gleißend helle Licht, was mich schließlich aufwachen ließ. Meine Empfindungen überschlugen sich, denn ich wusste nicht, was der Traum bedeutete. Stand unserer Welt die Zerstörung bevor? 

Schweißperlen rannen meinen Rücken hinab und ließen das Laken an meinem leicht bekleideten Oberkörper kleben. Auch wenn Zorusch über all die anderen Träume informiert war, würde ich ihn aufsuchen. Er konnte mir bestimmt die Frage beantworten, warum ich dieses Mal weiter geträumt hatte und dem Baum näher gekommen war. Ich musste sofort mit dem Herrscher reden. Was auch immer er mir sagen würde, meine Angst war mit Sicherheit nicht unbegründet. 

Ich schälte mich aus dem verschwitzten Betttuch, griff nach dem Morgenmantel und eilte aus dem Zimmer. Die Wachen rechts und links neben der Tür blickten mich fragend an. 

»Ich muss zu Zorusch«, presste ich hervor und wartete unruhig darauf, dass einer mich begleitete. 

»Es ist mitten in der Nacht«, antwortete einer mit tiefer Stimme. 

Nervös tippte ich mit dem Fuß auf den Steinboden und verschränkte die Arme vor der Brust. Scheinbar musste ich sie daran erinnern, dass ich Zoruschs Nachfolgerin war. »Habt ihr vergessen, wer ich bin? Bringt mich sofort zu meinem Vater«, herrschte ich beide an. 

Die Wache zu meiner Rechten trat einen Schritt nach vorne und wandte sich zum Gehen ab. Stumm folgte ich ihm und versuchte, meine Gedanken zu sortieren, um vielleicht eine Antwort auf all meine Fragen zu finden. Wie in meinem Traum zog sich das Ziel, der Weg zu Vaters Gemach, endlos in die Länge. Als die Hüter vor Zoruschs Tür das Klappern der Rüstung vernahmen, sahen sie verwirrt zu uns herüber. Nachdem sie mich erblickten, traten beide zeitgleich beiseite. 

Einer der Hüter hob die Hand, um anzuklopfen, doch sie öffnete sich, noch bevor seine Finger das Holz berührten. Selbst nach einer gefühlten Ewigkeit des Gehens, konnte ich keinen klaren Gedanken fassen und war dankbar, als ich Vater erblickte. 

»Du bist dem Baum näher gekommen, oder?«, fragte er und blickte mich ungläubig an. Mein Gesichtsausdruck schien Bände zu sprechen, dennoch nickte ich, um seinen Verdacht zu bestätigen. Auch wenn es nur für den Bruchteil eines Moments war, konnte ich die Panik in seinen Augen erblicken. Zorusch machte einen Schritt zur Seite und ließ mich den Raum betreten. Auf sein Wissen baute ich und hoffte, dass er Licht ins Dunkle bringen würde. 

»Du wartest auf sie und begleitest sie zurück in ihr Zimmer, wenn wir fertig sind«, befahl er der Wache, die daraufhin beiseitetrat und Stellung vor der Tür bezog. 

»Du hast bislang nicht viel zu den Träumen gesagt und doch kann ich in deinen Augen erkennen, dass du weißt, was sie mir prophezeien sollen«, platzte es aus mir heraus, als er die Tür schloss. 

Wortlos kam er auf mich zu und zog mich in seine Arme. Ich bemerkte nicht, dass ich bereits am ganzen Körper zitterte. »Es tut mir so unendlich leid, dass die alten Götter etwas festgelegt haben, wovor ich dich nicht bewahren kann«, flüsterte er in mein Haar und strich mit der Hand darüber. 

Verwirrung machte sich breit. Ich wollte mich von Vater lösen, doch er ließ mich nicht los. Was wollte er mir damit sagen? Der Sinn war für mich unbegreiflich. 

»Keiner der Götterkinder sollte dazu auserkoren sein, die Monde zu vereinen, und die verfeindeten Bande milde zu stimmen.« Vater hauchte mir einen Kuss auf die Stirn und ließ mich los. 

Mein Puls hatte sich etwas beruhigt und mich überkam nicht länger das Gefühl, gleich aus der Haut zu fahren. Dennoch kamen tausend Fragen auf, die ich beantwortet haben wollte. Wo sollte ich nur anfangen? 

Ich schloss die Augen und holte tief Luft, dachte noch einmal über die Worte nach, die er eben zu mir gesagt hatte. Je mehr ich mir den Kopf über ihre Bedeutung zerbrach, umso mehr ungeklärte Fragen drängten sich mir auf. 

In Momenten in denen ich traurig war, fehlte mir, noch mehr als sonst, eine weibliche Bezugsperson. Meine Mutter war nach meiner Geburt gestorben und ich hatte nie die Möglichkeit gehabt, sie kennenzulernen. Hier auf Kelan zu leben, allein mit Vater … war anders. Er tat sein Bestes, um die Rollen beider Elternteile abzudecken, doch er konnte manchmal nicht aus seiner Haut heraus. Wie auch? Als Herrscher musste er ein gewisses Maß an Professionalität an den Tag legen und war nicht immer dazu in der Lage unser Leben und die Verantwortung voneinander zu trennen. Auf einem Mond geboren zu werden, barg Verpflichtungen, denen wir uns nicht entziehen konnten. 

Mitleid erfüllte Augen blickten mich an. Kurzerhand entschied ich, ihn später mit meinen Gedanken zum Traum zu löchern. 

»Erzählst du mir von ihr?« 

Auch ohne, dass ich ihren Namen aussprechen musste, wusste er, von wem ich sprach. Vater nickte und deutete mit der Hand auf die Ottomane, auf der ich daraufhin Platz nahm. Liebevoll legte er mir eine Decke um die Schultern, setzte sich neben mich und hob den Arm, damit ich den Kopf auf seine Brust betten konnte. Eine Geste, die wir uns nur erlaubten, wenn wir alleine waren und keiner uns Aufmerksamkeit schenkte. In Gegenwart der Untertanen oder Bediensteten, wahrten wir den angemessenen Abstand und die Höflichkeiten, die von uns erwartet wurden. Als er zu sprechen begann, hüllte seine tiefe Stimme mich in einen Kokon aus Geborgenheit und unendlicher Liebe. 

»Als ich sie das erste Mal sah, wurde mir bewusst, dass deine Mutter das wunderschönste Wesen auf Kelan war. Ihr Haar schimmerte seidig in der fahlen Beleuchtung und noch heute denke ich, dass es golden war. Mir war sofort klar gewesen, dass sie die Frau war, die ich eines Tages heiraten würde …« 

Ich schmiegte mich an ihn und ließ mir ihre Liebesgeschichte zum gefühlt tausendsten Mal erzählen. Dass es einen Zeitpunkt gab, an dem ich seiner liebevollen Worte überdrüssig wurde, konnte ich mir nicht vorstellen. Es gab mir einen Eindruck von der Person, die ich nie kennenlernen und als Mutter bezeichnen durfte. Die Frau, die mich 9 Monate in sich trug, auf die Welt brachte und in den ersten Minuten meines Lebens in den Armen wiegte. Seine Erinnerungen waren die einzige Verbindung zu ihr und ich wollte sie so oft hören, bis ich das Gefühl hatte, sie zu kennen und zu wissen, wer sie war. 

 

Als er seine Erzählung mit den Worten: »Dank dir werde ich jeden Tag an ihr anmutiges und liebevolles Wesen erinnert«, beendete, wischte ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel. Zum Ende hin, bahnte sich die Trauer jedes Mal einen Weg an die Oberfläche. Allein durch seine Worte konnte ich nachempfinden, wie schmerzhaft der Verlust für ihn gewesen sein musste. Ich kannte sie nicht und vermisste sie auf meine eigene Art und Weise. 

Man hatte ihnen keine Wahl gelassen. Das Schicksal hatte sich sein Recht herausgenommen, ihr Leben gegen meines einzutauschen. Ich lauschte seinem Herzschlag, der hart und gleichmäßig, wie der eines Kriegers, gegen den Brustkorb hämmerte. 

Auch wenn die Erinnerungen schmerzhaft waren und er mir unendlich leidtat, musste ich ihn noch auf den Traum ansprechen. »Würdest du mir bitte sagen, was der Traum zu bedeuten hat?«, durchbrach ich das Schweigen und blickte zu ihm auf. 

»Gib mir etwas Zeit, um Informationen einzuholen«, war alles, was er antwortete. Die Art, wie er es sagte und die Stimmlage verrieten mir, dass es besser war nicht weiter zu bohren. Ob ich es wollte oder nicht, die Autorität, die er auf mich übertrug, ließ mich seine Antwort akzeptieren. Ich hasste es, wenn er seine Fähigkeiten an mir anwandte, um mich seinem Willen zu beugen. Damit ich keine weiteren Fragen stellte, ließ er eine Welle seines Einflusses auf meine Gedankenwelt herüberschwappen, die mich daran erinnerte, wer er war und wie viel Macht er besaß, sodass ich im gleichen Augenblick hinterfragte, ob ich zu weit gegangen war. Natürlich war das Schwachsinn, doch das fiel mir erst einen Moment später ein. Dass er es gegen mich nutzte, damit ich aufhörte, nachzubohren, erfüllte mich mit Wut. Das machte er immer, wenn er mit mir über etwas nicht reden wollte. Ein letztes Mal ließ ich mich widerwillig von Vater in den Arm nehmen und verließ sein Gemach. 

Während ich hinter der Wache herlief, die mich zurück zu meinem Zimmer brachte, wurde mein Herz ganz schwer. Ich war sicher, dass er mehr wusste, als er mir gegenüber zugab. Ob es der Drang war, mich beschützen zu wollen oder nur das Halbwissen, konnte ich nicht sagen, doch ich würde nur für den Moment aufgeben, denn mein Bauchgefühl sagte mir, dass es um etwas Großes ging. 

Kapitel 2

Zorusch 

 

Natassya hatte schon wieder diesen Traum gehabt. Die kurzen Abstände ängstigten mich. Anfangs war er nur selten aufgetreten, doch in den letzten Wochen kam sie fast jede Nacht zu mir und ließ sich trösten. Ihre Erinnerungen waren fetzenartige Ausschnitte. Aus eigener Erfahrung, waren mir die Illusionen erschreckend genau bekannt, denn auch ich war vor vielen Jahren ebenfalls von den Träumen heimgesucht worden. Lange würde ich es nicht mehr für mich behalten können, die anderen schöpften inzwischen Verdacht und drängten darauf, dass ich meine Tochter eindringlicher beobachtete. Für das was kommen würde, war ich nicht bereit. Wie hätte ich es auch sein können? 

Ich wollte sie nicht der Bürde aussetzen, dennoch blieb mir keine andere Wahl. Egal wie ich mich entschied, so oder so würde sie dem Tod nicht entfliehen können. Der Gedanke schnürte mir die Kehle zu. Seit der letzten geplanten Zeremonie war zuviel geschehen. Die Vergangenheit drohte mich einzuholen. Und die Bilder, die sie mit sich brachte, ließen mich erschaudern. Aber noch mehr, fürchtete ich mich vor einer Wiederholung der Geschehnisse. Jede Option stellte die Wahl zwischen Pest und Cholera dar. Wie konnte ich mit meinem Gewissen vereinbaren, dass ich über den möglichen Verlauf ihres Lebens Bescheid wusste, doch zu feige war, ihr die Wahrheit zu sagen? Noch einen Verlust würde ich nicht verkraften. 

Seufzend rieb ich mir mit den Händen über das Gesicht und versuchte die schrecklichen Bilder der Auswahl, die fast 1000 Jahre zurücklag, zu verdrängen. Noch heute lebten sie in meiner Erinnerung. Immer dann, wenn ich hoffte, sie seien ein für alle Mal abgeschüttelt, kamen sie zurück. 

Personen derer Kinder dem gleichen Schicksal entgegentreten mussten, drängten darauf, dass ich meine Tochter auf Schritt und Tritt beobachten ließ. 

Mühsam schleppte ich mich zum Fenster und blickte hinaus in die unendlichen Weiten der Galaxie, einer Dimension, die so viel zu bieten hatte und grausamer war, als jeder Krieg. Doch an welcher Front würde ich zuerst kämpfen? Dass Domos mit allen ihm möglichen Mitteln versuchte, mich in meiner Funktion zu untergraben, um mir die Herrschaft zu entreißen, war eine andere Schlacht, der ich mich ebenfalls stellen musste. 

Sollte die Wahl nicht auf meine Tochter fallen, gab es nichts, was den Herrscher des roten Mondes zurückhielt. Ebenso würde er meine Trauer ausnutzen, wenn Natassya starb und ich an dem Verlust zerbrach, nur um Kelan an sich zu reißen. Es war egal, wie ich es drehte oder wendete. Domos würde niemals aufgeben, bis ich ihm Kelan überließ oder er mit seiner Armee Grorks hier einfiel und den Mond, den ich mit Herzblut liebte, dem Erdboden gleichmachte. Egal, was ich unternahm, alles würde in einem unheilvollen Desaster enden. 

Die Ahnung, was mit meinem Mond geschah, wenn Domos hier einlief, war erschreckend. Und der Gedanke, meine Tochter sterben zu sehen … ich konnte ihn nicht weiterspinnen, weil ich den damit einhergehenden Schmerz nicht ertrug. Die Vorstellung allein reichte aus, um meinen Puls ansteigen zu lassen. Ich wusste, wie Verlust sich anfühlte … den Kloß im Hals schluckte ich herunter und versuchte, die Dämonen der Vergangenheit zu verdrängen. 

Vor meinen Augen eroberte die Sonne ihren Platz, erhellte das Land vor dem Schloss. Hoch oben erblickte ich die schimmernden Monde. Wie ein Regenbogen verteilte sich die Farbenpracht vor dem Himmelsgewölbe. Und Zedor leuchtete am eindrucksvollsten. Rot, wie ein von Blut getränktes Schlachtfeld. Bei der Erscheinung lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Auch wenn sie noch so schön und einzigartig waren, brachte jeder auf seine Weise Leid über die Bewohner. Allesamt ergaben sie einen unbeschreiblichen Anblick. Und mittendrin Kelan. Meine Heimat. 

*** 

Nach dem Frühstück, das ich schweigend hinter mich brachte, suchte ich einen Gelehrten und engen Freund auf. »Metedor, schön dich zu sehen«, begrüßte ich ihn und lächelte gequält. 

Er hob den Kopf und legte den Finger auf die Stelle im Buch, die er gerade las. »Sie hat wieder geträumt?«, fragte er, mit in Falten gelegter Stirn. 

»Ja«, antwortete ich geknirscht und begab mich an den von Stühlen umringten Tisch, um Platz zu nehmen. Energielos lehnte ich mich zurück und massierte meine Schläfen. 

»Wann wirst du es den anderen sagen?«, bohrte er nach. Ihm konnte ich nichts vormachen, seit vielen Jahren war er von einem Gelehrten zu meinem engsten Vertrauten geworden, kannte mich durch und durch. 

»Ihnen wird längst klar sein, dass Natassya ebenfalls die Träume hat. Alle anderen sind schon betroffen, es wäre ein Wunder, wenn es bei ihr noch nicht eingetreten wäre«, sprach ich die niederschmetternde Tatsache aus, die sich nicht mehr rückgängig machen ließ. Einmal den Traum im Schlaf durchlebt, ließ sich der Lauf der Geschichte nicht aufhalten. Es würde zur Zeremonie kommen, ob ich wollte oder nicht. Es gab kein Zurück. 

Ich sah auf. Metedor war inzwischen wieder in sein Buch vertieft, aber unterhielt sich dennoch mit mir. Woher er diese Gabe hatte, wusste ich nicht, doch manchmal beneidete ich ihn darum, zwei Dinge gleichzeitig tun zu können. Dieses Mal störte es mich und ich bat: »Kannst du dich bitte setzen?« 

Er nickte, las noch einige Zeilen und setzte sich dann mir gegenüber hin. 

»Wie kann ich dir helfen?« Mit besorgter Miene sah er mich an. 

»Mit einem Rat?« Ich lachte. Es war unwahrscheinlich, dass er wusste, wie ich am besten vorgehen sollte, aber ich hatte nichts zu verlieren. Nachdenklich musterte er mich. Die Stille drohte mich zu erdrücken und ich schluckte schwer, um den Kloß in meinem Hals loszuwerden. Die Antwort würde mir nicht gefallen, denn er war jemand, der dem Unausweichlichen einen Namen gab. 

»Du solltest es ihnen sagen. Zum einen ziehst du nur ihren Zorn auf dich und zum anderen tust du deiner Tochter keinen Gefallen. Je länger sie die nächtlichen Illusionen hat, umso schwächer wird ihr Körper. Du weißt, dass der Traum kräftezehrend ist und noch viel besser als ich, kennst du die Folgen.« Er brauchte die Andeutung nicht auszuformulieren, ich wusste, wovon er sprach. Wieder riefen sich mir die schrecklichen Erinnerungen ins Gedächtnis, erneut durchlief ich die furchtbaren Vorkommnisse von damals. Für eine Sekunde schloss ich die Augen und verdrängte vehement die Dämonen der Vergangenheit in den Hintergrund. Es durfte sich einfach nicht wiederholen. 

Schließlich nickte ich zustimmend und sah meinen Freund wieder an. 

»Kannst du mir die Niederschrift noch einmal geben?«, fragte ich vorsichtig. Auch wenn ich die Zeilen schon hunderte Male gelesen hatte und es keinen Hoffnungsschimmer gab, dass ich doch ein Schlupfloch fand, würde ich es dennoch erneut versuchen. 

»Natürlich.« Metedor verließ den Tisch, verschwand zwischen den großen Regalen und fluchte laut. Ich grinste. Mir war klar, dass das gewünschte Buch ziemlich weit oben stand und mein Freund war nicht unbedingt der größte Bewohner Kelans, weshalb er jedes Mal stöhnte, sobald ich darum bat, hineinschauen zu dürfen. Doch dass ich es mir selbst holte, hatte er nie zugelassen. Dafür war ihm die Bibliothek, all das Wissen über uns und unsere Herkunft, zu heilig. Niemand würde einen Fuß hinter den Tisch setzen dürfen. Keinem war es gestattet, zwischen den Reihen der meterhohen Bücherregale zu schlendern und sich die vielen alten Werke anzuschauen, geschweige denn eines hervorzuholen und darin zu lesen. 

Als er zurückkam, hielt er das große Buch auf dem Arm. Mit der freien Hand schob er die Brille ein Stück nach oben und funkelte mich mit finsterem Blick an. 

»Tut mir leid alter Freund, doch ich muss es ein weiteres Mal durchgehen«, entschuldigte ich mich. 

»Und was erhoffst du dir davon? Du warst in den letzten Monaten täglich hier und hast jedes Mal die gleiche Stelle aufgeschlagen. Der Lauf der Gezeiten ist geschrieben und die Götterväter haben entschieden. Du wirst nicht daran rütteln können, selbst wenn ich deine Sturheit und die Bemühungen deine Tochter schützen zu wollen, bewundere.« 

Metedor legte das Buch vor mir ab und öffnete es auf der Seite, die inzwischen vergilbt war. Die Ränder waren abgewetzt und der Text an einigen Stellen schwer lesbar. 

Wieder rieb ich mir die Schläfen, erhob mich schnaubend und beugte mich über das Buch. Ich würde den Abschnitt nicht noch einmal lesen müssen. Er hatte sich längst in meine Erinnerung gebrannt. Eins zu eins könnte ich ihn wiedergeben. 

»Aber wie kann ich sie ohne Bedenken gehen lassen, obwohl ich weiß, was geschehen kann, wenn sie nicht zu den Auserwählten zählt? Wie kann ich sie dieser Gefahr aussetzen? Sie ist mein Fleisch und Blut, meine einzige Nachfahrin.« Hilfesuchend schaute ich Metedor an. Es gab nur wenig schwache Momente in meinem Leben und dieser war einer davon. 

Er musterte mich lange, tippte sich nachdenklich mit dem Finger gegen das Kinn und durchbrach endlich das Schweigen: »Egal, wie sehr du es versuchst, du wirst sie davor nicht schützen können. Das Einzige, was uns übrig bleibt, ist darauf zu hoffen, dass sie zu den Erwählten zählt.« 

Energielos ließ ich den Kopf hängen. Was erhoffte ich mir von meinem Besuch? Er sprach nur das aus, was mir längst bewusst war: Es gab keinen Ausweg. 

Ich wollte es nicht wahrhaben. Es musste irgendetwas geben, wovon er selbst nichts wusste. Selbst die eine Option, die besser war als der Tod, erschien mir nicht als ausreichend. Natassya verdiente ein erfülltes Leben. 

»Du darfst es nicht so weit kommen lassen. Götterschlaf ist keine Erlösung.« 

Mir blieb nichts anderes übrig, als ein weiteres Mal zu nicken und seinem Einwand zuzustimmen, denn tief in meinem Inneren musste ich mir eingestehen, dass ich sie nicht retten konnte. Und doch wehrte sich mein elterlicher Instinkt dagegen, sie den Löwen zum Fraß vorzuwerfen, sie einfach ihrem Schicksal in die Arme laufen zu lassen.