The Coven – der Zirkel – Leseprobe

1.  KAPITEL

 

Der blubbernde V8-Motor seines alten Chevrolet Impalas echote in der schmalen Seitengasse und zog somit gleich die Blicke aller Anwesenden auf sich.
Der beige Lack seines Wagens aus den 50ern, der den noblen Namen Oldtimer nicht verdiente, splitterte an mehreren Stellen ab, während die Beulen und Kratzer das Bild eines draufgängerischen TV-Detectives vermittelten.
Dabei war Vernon Morrison einfach nur ein verdammt schlechter Fahrer und ein Alkoholiker noch dazu – eine Kombination, die nicht nur das Wohl seines Autos gefährdete.
„Ist das Ihr Ernst?“, war Monica Bernadinas erste Reaktion gewesen, als sie seinen Wagen zum ersten Mal erblickte.
Genau diese herablassende Art der Mexikanerin, die von nun an seine neue Partnerin sein sollte, war der Grund, weshalb er weiterhin darauf bestand, dass sie ihn siezte.
Er mochte sie nicht. Und das hing nicht einmal mit ihrer mexikanischen Herkunft zusammen, sondern viel mehr mit ihrer für ihn unerträglichen Art.
Eine junge, aufgeblasene Tussi mit einer Arroganz, die für einen Neuling alles andere als angemessen war.
Gerade noch hatte sie Strafzettel am Hyde Park verteilt und nun sollte sie ihm gleichgestellt werden?
Er war doppelt so alt wie sie, konnte ihr Vater sein und hatte ihr absolut nichts zu sagen.
Was sollte man auch mit einem Möchtegern-Privilegierten Dummchen besprechen, das ständig darauf aufmerksam machen musste, dass ihre Mutter nie Hausmädchen gewesen war und ihr Vater ein eigenes Unternehmen führte?
Die Wahrheit sah jedoch folgendermaßen aus: Fernanda Bernadina war in der Tat nie Haushälterin gewesen – zumindest nicht offiziell. Dass sie jedoch Häuser in der Nachbarschaft schwarz putzte, war ein kleines Detail, das Monica offenbar versäumt hatte, zusätzlich zu erwähnen.
Dass ihr Vater ein Unternehmen leitete … nun ja, er verkaufte Gebrauchtwagen. Etwas, wofür man nicht einmal auf einem Community-College graduieren musste.
Ja, Detective Morrison fuhr eine Karosse, die eher auf den Schrottplatz als auf die Straßen Chicagos gehörte, und ja, Monica besaß einen eleganten Ford Mondeo, der ihr das Gefühl gab, ihm gesellschaftlich überlegen zu sein.
Die Dinge mussten sich seit seiner Jugend ziemlich geändert haben, wenn solch ein Wagen dazu imstande war, einem das Ego eines blaublütigen Grimaldis zu verleihen.
Doch wenn es wirklich um die Herkunft ging, stand Detective Morrison ihr in Nichts nach. Im Gegenteil.
Zwar sah und hörte man ihm nicht an, dass er aus gutem Hause stammte, jedoch besaß er mit Sicherheit mehr Geld auf seinem Bankkonto, als diese kleine Schlampe jemals in ihrem ganzen Leben verdienen würde.
Seit Jahren trug er stets dieselbe Kleidung. Er besaß insgesamt vier Hosen, drei Shirts, sechs Pullover und zwei Jacken.
Obwohl man ihn alles andere als eitel bezeichnen konnte, war er der Meinung, dass es nichts gab, was unerotischer aussah als seine Wampe in Hemden. Und das war der Grund, weshalb er diese grundsätzlich mied.
Geld spielte keine Rolle und dennoch lebte er in South Side, der dunkelsten Ecke Chicagos, in die sich nicht einmal die Sonne wagte.
Eine zwar nicht ganz freiwillige Entscheidung, aber trotzdem ein Umstand, mit dem er sich arrangieren konnte.
Er hatte seine letzte Wohnung wegen Mietrückständen verloren – ein Witz, wenn man seine Konten betrachtete.
Doch nach Neils Verschwinden und Larrys Tod war er in dieses tiefe, schwarze Loch gefallen, in dem er nach wie vor schwamm.
Detective Morrison war schon lange nicht mehr der Alte und dennoch sollten es Momente wie diese sein, die ihn daran erinnerten, dass er nicht aus den Slums Chicagos stammte.
Es regnete bereits seit Wochen ununterbrochen und den Wetterberichten zufolge gab es vorerst keine Aussicht auf eine Besserung in den folgenden Tagen.
So etwas hatte es laut Nachrichtensprecher noch nie zuvor in der Stadt gegeben. Im Durchschnitt gab es höchstens acht Regentage in den Monaten zur Sommerzeit, doch mittlerweile waren es schon zwanzig aufeinanderfolgende, nasse Tage.
Es wurden nicht einmal mehr stumpfe Bemerkungen zum Wetter gemacht. Stattdessen behielt jeder seine Enttäuschung oder auch Wut für sich – in der Hoffnung, dass der Regen kapitulierend davonziehen würde, wenn man ihm keine Beachtung mehr schenkte.
Doch Detective Morrison erinnerte sich beim Anblick des Regens, der seine Windschutzscheibe entlanglief, an ein Gedicht eines österreichischen Schriftstellers namens Adalbert Stifter.
„Es regnet viele Tropfen, ehe man Einsicht gewinnt und Jahre vergehen, ehe man weise wird.“
Er hatte in den letzten Tagen ziemlich oft an dieses Gedicht denken müssen, das er in der siebten Klasse auf der Privatschule gelernt hatte.
Damals hatte er dem Gedicht zugestimmt und jetzt, Jahrzehnte später, konnte er einfach nicht aufhören daran zu denken, dass diese Worte nicht der Realität entsprechen durften.
Es hatte bereits viele Tropfen geregnet, aber er hatte weder Einsicht noch Jahre Zeit, um weise zu werden.
Er übte diesen Beruf nun schon so lange aus, um zu wissen, dass die Dinge nun einmal so lange dauerten, wie sie dauerten.
Zwar war er nicht unbedingt die Geduld in Person, jedoch kannte er sich gut genug, um zu realisieren, dass er in keinen seiner bisherigen Fälle jemals so ungeduldig gewesen war.
Ja, Menschen kamen und gingen. Sie wurden geboren und starben.
So war nun einmal der Lauf der Dinge und dennoch wollte ihn das Gefühl nicht loslassen, dass dieses Gleichgewicht langsam aber sicher ins Schwanken geriet.
Es war seinem Beruf zu verdanken, dass er mehr Tote als Neugeborene zu Gesicht bekam und dennoch war das, was in letzter Zeit in dieser Stadt geschah, alles andere als normal.
In unmittelbarer Nähe der Magnificient Mile auf der Ontario Street war eine Frau getötet worden – ermordet.
Er fügte sie gleich gedanklich seiner Liste hinzu und somit waren es mittlerweile schon 9 getötete Menschen. 9 Opfer innerhalb von vierzehn Tagen. 7 Frauen und 2 Männer, die sowohl auf den ersten als auch auf den letzten Blick nichts miteinander gemeinsam hatten. Keine Verbindung zueinander, keine Parallelen.
Abgesehen von der Art und Weise, wie sie hingerichtet worden waren. Ja, man konnte zweifellos von einer Hinrichtung reden.
Natürlich erschwerte der Regen ihnen allen die Arbeit und beseitigte größtenteils wichtige Hinweise.
Sein Regenschirm, den er achtlos im Kofferraum verfrachtet hatte, war auf dem Weg von seiner Wohnung zum Auto so pitschnass geworden, als hätte er einen Kilometerlauf hingelegt.
Er parkte vor dem Hinterausgang eines asiatischen Schnellimbisses, dessen unnatürliches Licht aus der Küche auf seinen Wagen fiel.
Etwas aufgebracht zählte er mehr als fünfzehn Beamte am Tatort, beruhigte sich jedoch im nächsten Augenblick selbst wieder, als er feststellte, dass keiner von ihnen vom FBI zu sein schien.
Das hier war sein Fall.
Genauer gesagt, eigentlich Bernadinas und sein Fall und obwohl er noch keinen Schimmer hatte, was genau mit den Opfern geschehen war, würde er es nicht zulassen, dass diese Idioten ihm diesen Fall entzogen.
Bernadina hatte großes Glück gehabt, zur richtigen Zeit befördert worden zu sein.
Nicht nur das. Sie war nicht der Einheit zugeteilt worden, die sich seit Monaten mit den Bandenkriegen in den Suburbs – den Vororten Chicagos – beschäftigte, stattdessen hatte sie gleich an seiner Seite an diesem großen Fall mitwirken dürfen.
Noch war nichts an die Öffentlichkeit geraten, doch Detective Morrison bezweifelte, dass dies noch lange so bleiben würde.
Sein Körper verlangte nach einer Zigarette, vielleicht auch zwei und dass er heute noch keinen einzigen Schluck getrunken hatte, schien ihm mindestens genauso gefährlich, wie unter Alkoholeinfluss zu fahren.
Er hatte in den letzten Nächten nicht sonderlich viel schlafen können, was ihn nur gereizter machte.
Der Hollywood-Mythos, dass Polizisten aufgrund ihres ambitionierten Wesens nicht gerne viel schliefen, war seiner Meinung nach der größte Bullshit nach der Erfindung von E-Zigaretten und Nikotinpflastern.
Obwohl er das Bild von den anderen Tatorten noch genau in Erinnerung hatte und selbst jetzt in seinen Gedanken erneut vor sich sah, wusste er, dass er nicht für den Anblick bereit war, der ihn erwartete.
„Hey Morrison!“
Das plötzliche Klopfen gegen die Fensterscheibe zu seiner Rechten ließ ihn erschrocken zusammenzucken und riss ihn abrupt aus seinen Gedanken.
Bernadina stand neben seinem Wagen und linste grinsend, im Schutz eines Regenschirmes, hinein.
Er fragte sich, ob man sie wohl feuern würde, wenn er jetzt vor Schreck einen Herzinfarkt mit Todesfolge erlitten hätte.
Wie immer trug sie einen Trenchcoat – heute einen schwarzen – um seriös zu wirken.
Seitdem er ihr – so offen wie er nun einmal war – mitgeteilt hatte, dass sie mit offenen Haaren wie eine lateinamerikanische Pornodarstellerin aussähe und somit nicht ernst genommen werden könne, steckte sie ihr pechschwarzes Haar immer hoch oder trug es als Dutt.
Detective Morrison erfreute sich auch heute an diesem kleinen Triumph, als er sich endlich mit einem mulmigen Gefühl dazu entschloss, auszusteigen.
Die Gasse an sich war ohnehin schon eng genug – Bernadina machte es keinen Deut besser, indem sie direkt neben dem Wagen stehen blieb, sodass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. Verlegen lächelte sie, sagte jedoch nichts.
Die Stimmung, die zwischen ihnen in der Luft lag, wollte so gar nicht zu ihrer Umgebung passen.
Es roch nach verdorbenem Essen, nach Hundekot und weiteren Dingen, von denen er lieber nichts wissen wollte.
Dafür, dass sie sich bei den ersten drei Opfern übergeben hatte müssen, schien sie mittlerweile schon fast der Sache gewachsen zu sein, als sei der Anblick von verstümmelten Leichen mittlerweile Routine.
Detective Morrison dachte daran, dass das Wort Verstümmelung nicht zu dem passte, was den Opfern angetan worden war.
Ja, Hinrichtung traf es dann schon eher und dennoch war das, was seine Augen erfasst hatten, mehr als nur das.
Mehr als sein Gehirn bis jetzt bereit war zu verstehen und etwas, das seinen Horizont überstieg.
Wer tat sowas und warum? Und vor allem aber – wie?
Die tote Frau lag zwischen zwei halboffenen Mülltonnen, was ihn gleich dazu veranlasste, sich seine Nase zuzuhalten.
Seine Kollegen traten ehrfürchtig zur Seite, als er sich langsam der Leiche oder dem, was von ihr übriggeblieben war, näherte.
Bernadina stieß ein leises „Fuck“ aus, während sie ihre Nase mit einem Taschentuch vor diesem eigenartigen Geruch schützte.
Sein erster Blick auf die leblose Frau mit den schwarzen Augäpfeln ließ ihn erschaudern, als er sah, dass ihr Unterkörper vom Bauch an komplett fehlte.
Sie war nicht zerstückelt worden – das hätte nämlich noch im Radius seines Verständnisses gelegen, doch der Anblick vom schwarzen Ruß, der unterhalb ihres Brustansatzes begann und sich schließlich auf dem Steinboden fortsetzte, erweckte den Eindruck, als ob man den Rest ihres Körpers mit einem Flammenwerfer weggebrannt hätte.
Dass Polizisten mit der Zeit von solchen Tatorten abgehärtet wurden, war seiner Meinung nach eine genauso große Täuschung wie die Live-Auftritte von Milli Vanilli.
Detective Morrison hätte selbst jetzt nach zwanzig Jahren beim Chicago Police Department noch kotzen können, als er sich erst nach vorn beugte und schließlich mit zusammengezogenen Augenbrauen in die Hocke ging.
Der Geruch verstärkte sich gleich um ein Tausendfaches und er stellte sich die Frage, weshalb nicht Bernadina sich die Mühe machte. Vermutlich lag echte Polizistenarbeit weit unter ihrer Würde, dachte er verärgert und stellte gleich fest, dass die für Ruß gehaltene Substanz schimmerte.
Wenn er sich noch ein Stück weiter nach vorn gebeugt hätte, hätte er sich gleich neben die Leiche betten können.
Vorsichtig griff er in die Innentasche seiner grünen Windjacke und kramte ein Paar Plastikhandschuhe heraus, die er vor einigen Tagen aus der Pathologie hatte mitgehen lassen. Ein erfolgreicher Diebstahl, leider nur die falsche Größe.
Mit seinen säuglingsgroßen Händen quetschte er sich nun in diese Handschuhe Größe M rein und als ob sein Körper ahnte, was er nun vorhatte, bekam er gleich ein eigenartiges Gefühl in der Magengegend zu spüren.
Bernadina, die wenigstens den Anstand besaß, ihren Regenschirm über seinen Kopf zu halten, während sie der erbarmungslosen Strömung ausgesetzt war, ließ einen warnenden Ton verlauten. War das etwa ihre Art ihm mitzuteilen, dass er vorsichtig sein sollte?
Er seufzte verächtlich, denn was er noch weniger als eine inkompetente Kollegin gebrauchen konnte, war weibliche Sentimentalität.
Er ließ einige Tropfen des Regens auf seinen linken Zeigefinger fallen und dippte diesen anschließend in das schwarze Pulver, doch nichts geschah.
Detective Morrison atmete sichtlich erleichtert aus.
Schließlich startete er einen neuen Versuch, indem er mit seinen Fingern nach dem Pulver griff und es auf seine rechte Handinnenfläche streute.
Er wusste nicht, ob das pure Einbildung war, doch plötzlich schien das Schimmern kräftiger, ja fast ausdrucksvoll und imponierend. Das Pulver, das sich in seiner Hand anfühlte, als würden tausende Ameisen darauf marschieren, hatte gleich eine Wirkung auf ihn.
Es hatte die Ausstrahlung von Diamanten und genau mit dieser Faszination betrachtete er diese ihm unbekannte Materie, die ihn dazu verlockte, genauer hinzuschauen.
Er beugte sein Gesicht mit funkelnden und neugierigen Augen etwas weiter nach vorn, doch Bernadina unterbrach diesen nahezu magischen Moment, als sie ihm ihre Hand auf die Schulter legte.
„Morrison, was machen Sie da?“, fragte sie. „Seien Sie vorsichtig!“
Er war alles andere als in der Stimmung, sich von diesem Grünschnabel etwas vorschreiben zu lassen und gerade, als er Luft holte, um ihr verbal ihren Platz in der Hierarchie zu zeigen, kreischte sie laut auf.
Der Detective nahm erst Sekunden später wahr, was ihren Schrei ausgelöst hatte, als das Kribbeln in seiner Hand auf einmal nachließ und ihn somit aus dem nahezu verführerischen Bann riss.
Sein Herz sprang förmlich aus seinem Brustkorb, als er sah, wie das Pulver wie vom Winde verweht aus seiner Hand entwich und zu seiner toten Besitzerin zurückkehrte.
Er war sich sicher, dass nicht nur er dieses knisternde Geräusch wahrnahm, das eindeutig der Klang dieses Pulvers war.
Als ob die kleine Menge, die er soeben noch in der Hand gehabt hatte, heimgekehrt war, um Verstärkung anzuordnen, verschmolz sie nun mit dem Rest unterhalb der Leiche und schwirrte daraufhin wie ein kleiner Tornado um den Körper der verstorbenen Frau.
Er rief sich noch einmal ins Gedächtnis, dass er heute nicht zur Flasche gegriffen hatte. In seinem Plastik-Kaffeebecher war kein Gemisch aus 70% Whiskey und 30% Kaffee. Er hatte keinen Schluck intus.
Dennoch zweifelte er an seiner eigenen Wahrnehmung, als sich der halbe Körper wie von Geisterhand erhob und umgeben vom knisternden Pulver, auf gleicher seiner Augenhöhe, in der Luft schwebte. Das Letzte, was Detective Morrison in dieser Nacht von dieser Frau sah, waren ihre schwarzen, leeren Augen, die auf ihn gerichtet waren.
Ein Augenblick, der höchstens zehn Sekunden andauerte und ihn dennoch bis ans Ende seiner Tage verfolgen sollte.
Er würde nie vergessen, wie sowohl das Pulver als auch die Frau sich in tausend golden-glühende Funken auflösten, die wie von einem imaginären Staubsauger ins Nirgendwo gezogen wurden.
Stille kehrte hinter ihm ein. Zitternd erhob er sich und konnte noch immer nicht fassen, was sich soeben vor seinen Augen abgespielt hatte. Was war das gewesen?
Obwohl er nicht allzu viel, eigentlich gar nichts, von ihr hielt, wollte er Bernadina dennoch genau diese Frage stellen.
Nicht, dass er sich eine Antwort erhoffte, mit der er tatsächlich etwas anfangen konnte – er wollte nur … ja was wollte er denn eigentlich?
Wollte er hören, dass er sich all das nur eingebildet hatte? Hoffte er wirklich darauf, dass all das aus seinem Wahnsinn entsprungen war?
Nach Neils Verschwinden hatte sich so einiges in seinem Leben verändert und nichts war mehr so, wie es einst gewesen war. Doch hatte er nun, neun Jahre nach dem Verschwinden seines Sohnes, auch noch Wahnvorstellungen?
Er versuchte bereits, mit dem Alkohol die Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen und den Schmerz in seinem Herzen zu lindern, und ja, er hatte es auch einige Male mit Drogen versucht, doch ganz schnell wieder die Finger davon gelassen.
Morrisons erster Gedanke, als er sich wieder umdrehte, war, was Neil wohl von ihm denken würde, wenn er seinen Vater so gesehen hätte.
Auf der anderen Seite jedoch glaubte er nicht daran, dass er sich so etwas eingebildet hatte oder sich einbilden konnte. Dieses Pulver. Diese Augen.
Er öffnete gerade seinen Mund, um etwas – irgendetwas – zu sagen, doch er bekam vor Entsetzen keinen einzigen Ton heraus. Das hier war keine Einbildung!
Als hätte jemand auf den Pausenknopf gedrückt, war die Welt stehengeblieben. Keiner bewegte sich, nicht einmal ein Wimpernzucken.
Selbst die Regentropfen hingen in der Luft, wie ein Mobile über einem Kinderbett.
„Was zum Teufel …?“
Noch ehe er seinen Satz zu Ende bringen konnte, ließ ihn ein lautes Poltern herumwirbeln.
Und dann sah er ihn.
Einen blonden Mann, der sich offenbar hinter einer Mülltonne versteckt hatte und sofort die Beine in die Hand nahm, sobald er sich von Morrison ertappt fühlte.
Hatte er sich die ganze Zeit dort hinten versteckt?
Grundlos wanderte Morrisons Wut automatisch zu Bernadina, die auch sonst an allem anderen, wie zum Beispiel der globalen Erderwärmung, schuld war.
Was auch immer passiert war, dachte Morrison, als er die Verfolgung widerwillig aufnahm, dieser Mann hatte auf jeden Fall etwas damit zu tun.