Warum funktionierende Dialoge so wichtig sind

Dialoge in Romanen verleihen unseren Figuren ihre Stimme. Genau wie auch im wirklichen Leben hat jede ihren eigenen Klang und Wortlaut. Das klingt logisch, bedeutet jedoch, dass es uns beim Schreiben gelingen muss, dem Leser eine Stimme in den Kopf zu zaubern, die nur auf dem Papier existiert. Und da liegt die persönliche Herausforderung eines jeden Autors. Wie kann ich meine Figur sprechen lassen, sodass es natürlich wirkt und dennoch einzigartig?

Sprachliche Stilmittel für einen individuellen Klang

Hier haben wir verschiedene Möglichkeiten. Zum einen können wir der Figur eine Art Slang oder auch Dialekt mitgeben. Beispiel:

„Huber, das glaubscht doch selbscht net“, sagte Günther und sein mächtiger Bauch bebte, als ein Lachen aus ihm herausbrach.

„Aber wenn ich es doch sage.“

Natürlich gibt es hierfür zahlreiche Möglichkeiten, diese Variante ist sehr direkt und kann den Leser unter Umständen auch nerven. Eine etwas besser lesbare Alternative sind hier beispielsweise kleine sprachliche Eigenheiten, die man anbringen kann.

„Das hast du gemeint, oder? Ich mein, das sind so Sachen, die gehen mir einfach nicht aus dem Kopf, oder?“

„Sofie, du machst dir echt zu viele Gedanken.“

„Ja, aber ist doch so, oder?“

Auch hier habe ich es auf die Spitze getrieben. Dosierter eingesetzt kann ein kleiner Wortzusatz ein schönes Stilmittel sein. Ein sehr prominentes Beispiel für diese Art Stilmittel ist beispielsweise auch Hagrid aus Harry Potter. Hier scheiden sich die Geister ebenfalls, einige empfinden eine besondere Sprechweise der Figur als anstrengend, andere lieben diese hervorgehobene Individualität.

 

Figurentiefe für sprachliche Individualität

Doch welche Alternative haben wir, wenn wir den Leser nicht durch Dialekt, Slang oder Stilmittel von der Stimme unserer Figur überzeugen können? Das, was uns im Leben auszeichnet, ist auch bei unseren Figuren der Fall. Wir sind individuell, weil wir eine spezielle Art haben, die Dinge anzupacken, uns zu geben oder auf Dinge zu reagieren.

Beispiel:

„Das war wirklich nicht so gemeint, Niklas“, flüsterte sie und wich einmal mehr seinem Blick aus.

„Ich habe die Schnauze voll!“ Die Tür flog krachend ins Schloss.

Melli saß da und starrte auf die Holzmaserung der Tür. Die Tränen kamen ganz von allein, ließen ihren Blick verschwimmen und ein Schluchzen bahnte sich seinen Weg.

oder

„Das war nicht so gemeint, Niklas!“ Ihre Hände ballten sich zu Fäusten und sie starrte ihn wuterfüllt an.

„Ich habe die Schnauze voll“, erwiderte er leise, mit diesem traurigen Unterton, der sie nur noch rasender machte. Dann ging er und zog die Tür lautlos hinter sich zu.

Der wuterfüllte Schrei bahnte sich unaufhaltsam seinen Weg. Zeitgleich holte Melli aus und trat so fest gegen die Tür, dass die Zarge bedrohlich knirschte. Scheißkerl.

Der Dialog bleibt in beiden Fällen gleich, aber die Stimme von Melli und Niklas verändert sich. Im ersten Ausschnitt könnte man meinen, dass Melli unter den Wutanfällen von Niklas häufiger zu leiden hat. Im zweiten Ausschnitt scheint die Lage anders herum. In beiden Fällen ist Melli der Perspektivträger/Reflektorfigur. Doch egal wie herum man es dreht, beide haben eine eigene Stimme und vermitteln uns einen Eindruck der Figur, obwohl sie sich rein sprachlich nicht voneinander unterscheiden.

 

Der Dialog im Zusammenspiel

Wenn unsere Figur ihre Stimme gefunden hat, geht es an den nächsten, wesentlich komplizierteren, Teil. Das Zusammenspiel mit anderen Figuren. Die meisten von uns reden im Alltag viel und gern. Der Dialog mit Freunden, Familie, Kunden, Arbeitskollegen gehört zu unserem Leben, ist unser Mittel der Kommunikation. Dasselbe gilt für Romanfiguren.

 

Dialoge und Nachvollziehbarkeit

Die Schwierigkeit ist es hier, dass nebenbei – und ohne, dass der Leser es merkt – eine Geschichte erzählt werden will. Das stellt häufig genug ein Problem dar, denn wenn die Figuren erstmal sprechen gelernt haben, plappern sie, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. (um mich mal einer gängigen Phrase zu bedienen) Auch, wenn es im ersten Moment nicht so klingt: Das ist gut. Denn wenn die Figuren dem Autor auf der Nase herumtanzen, hat er bei der Figurenerstellung etwas richtig gemacht. Doch wie bekomme ich jetzt noch meine Geschichte unter?

Anhand eines Beispiels will ich zeigen, wie es ist, wenn der Autor in das Geschehen eingreift, um die Figur in die richtige Bahn zu lenken.

„Lilly, ich bin so aufgeregt. Der Ball, das Kleid, die Schuhe …“ Claire betrachtete sich im Spiegel und lächelte. Genau so, wie sie es auch auf den Fotos am Ballabend machen würde.

„… und jetzt auch noch der perfekte Typ“, fügte Lilly hinzu und strahlte sie an. Was würde sie nur ohne sie tun? Ohne Lilly war das alles nicht vorstellbar.

„Ja, ich kann immer noch nicht glauben, dass er mich gefragt hat.“

„Meinst du, dass du wirklich mit ihm gehen solltest? Immerhin ist er der beliebteste Junge in der Schule?“

Die Situation ist recht schnell klar. Wir wissen es geht um einen Ball, vermutlich ein Schulball und Claire, die in diesem Fall unsere Perspektivträgerin ist, freut sich. An welcher Stelle hat sich nun der Autor eingeschaltet? Vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich, aber der letzte Satz ihrer besten Freundin kommt eindeutig nicht aus Lillys Mund. Warum? Wenn wir uns in die Figur der besten Freundin einfühlen, dann haben wir eine gewisse Erwartungshaltung: sie unterstützt, redet gut zu, freut sich mit Claire auf den Ball. (es sei denn die Vorgeschichte erzählt etwas anderes, doch davon wollen wir in diesem Fall nicht ausgehen)

Die Reaktion bzw. die Bedenken am Schluss wirken, als hätte ihr jemand die Worte in den Mund gelegt. Warum sollte sie auf einmal Zweifel äußern, bezüglich des Jungen, wenn sie sich doch vorher mit Claire gefreut hat? Warum sollte sie ihre beste Freundin dazu anregen sich Sorgen zu machen, statt sich zu freuen? Ganz einfach, weil nicht sie gesprochen hat, sondern der Autor. Er wollte, dass Claire sich Sorgen macht und bei all der Euphorie, wusste man sich nicht anders zu helfen, als kurz der besten Freundin ihre Stimme zu nehmen. Der Leser merkt solche Einbrüche jedoch und so verliert der Dialog an Glaubwürdigkeit. Vielleicht entstehen auf diese Art sogar Zweifel an der besten Freundin und ob sie es mit unserer Figur tatsächlich gut meint. Falls wir das nicht beabsichtigen, wäre das sehr ärgerlich.

Ein Alternativvorschlag für mehr Natürlichkeit:

„Lilly, ich bin so aufgeregt. Der Ball, das Kleid, die Schuhe …“ Claire betrachtete sich im Spiegel und lächelte. Genau so, wie sie es auch auf den Fotos am Ballabend machen würde.

„… und jetzt auch noch der perfekte Typ“, fügte Lilly hinzu und strahlte sie an.

„Ja, ich kann immer noch nicht glauben, dass er mich gefragt hat …“ Vor ihrem geistigen Auge tauchte das Bild von Jeff auf. Wie er da stand in einem perfekt sitzenden Anzug, das breite Kreuz und diese blauen Augen, die regelmäßig dafür sorgten, dass sie vergaß wie sie ihre Stimmbänder zu benutzen hatte. Und sie daneben. Klein. Schmal. Unscheinbar. Sie sackte leicht in sich zusammen.

„Was?“, fragte Lilly und hob eine Augenbraue.

„Ich … vielleicht sollte ich absagen?“, fragte Claire zweifelnd.

„Claire. Jean. Miller.“ Ihre Freundin erhob sich mahnend und warf ihr einen gespielt bösen Blick über den Spiegel zu. „Du wirst da hingehen, alle dort mit deinem Kleid umhauen und dafür sorgen, dass Jeff dich gar nicht mehr hergeben will!“

In diesem Fall war das sehr leicht, denn unsere Perspektivfigur ist ein denkendes Wesen in unserem Roman. Sie hat Sorgen und Ängste, die wir für uns nutzen können. Dialoge sind schön, zeigen deutlich die Gefühle unserer Figuren, aber sie ersetzen nicht die Gedanken. Gedanken, Ängste und Sorgen unseres Perspektivträgers vervollständigen Dialoge und machen sie glaubhaft. Der Dialog wird nachvollziehbar, weil wir verstehen, warum unsere Figur zweifelt. In diesem Fall war ich sehr ausschweifend, um den Grundgedanken zu betonen. Natürlich ist die Art der Beschreibung von Autor zu Autor unterschiedlich und an dieser Stelle nebensächlich.

 

Dialog im Zusammenspiel

Schwierig wird es erst, wenn wir einen gut lesbaren Dialog mit unterschiedlichen Stimmen glaubhaft an den Leser vermitteln wollen. Sprechen ist für uns so alltäglich, dass wir häufig Probleme haben, es zu Papier zu bringen. Dadurch wirken die Dialoge gestelzt und weltfremd.

Hier ein Beispiel:

„Ich habe den Koffer mitgenommen, damit er nicht im Regen steht. Er wird sonst von Feuchtigkeit durchtränkt, genau wie deine Kleidungsstücke.“

„Das ist sehr nett von dir, lieber Vater. Ich bin sehr erfreut, dass du ihn mitgebracht hast.“

„Sehr gern, meine Tochter“, sagte mein Vater und lächelte.

Besser:

„Vermisst du vielleicht etwas?“ Mein Vater stellte grinsend meinen Koffer vor mir ab. „Draußen fängt es gleich an zu schütten, da dachte ich, er ist hier drinnen vielleicht besser aufgehoben.“

„Danke“, murmelte ich und fluchte stumm auf meine Vergesslichkeit. „Ohne dich, müsste ich heute Abend vermutlich nackt zu Omas Geburtstag gehen.“

„Oder wahlweise mit nassen Klamotten. Was vielleicht besser für Omas Herz wäre.“

Ich hob eine Augenbraue. „Das scheint mir beides keine gute Alternative.“

„Richtig.“

Dadurch das der Dialog lebendiger gestaltet ist, leben auch unsere Figuren. Der zweite Dialog sagt sehr viel über das Verhältnis zwischen Vater und Tochter aus, während der erste sehr flach und distanziert wirkt. Wenn man ihn direkt miteinander vergleicht, spürt man im ersten Beispiel recht deutlich, dass so niemand reden würde. Innerhalb der Anführungszeichen bewegen wir uns in einer Welt der Umgangssprachlichkeiten. Es wird so geredet, wie unsere Figur es tun würde. Wenn wir uns den zu schreibenden Dialog jetzt bildlich als ein Gespräch mit einer Freundin, Mutter, Vater etc. vorstellen, wird uns recht schnell auffallen, ob ein Dialog flach ist oder aus dem Leben gegriffen scheint. Während des Schreibens sollte ich mir immer wieder die Frage stellen: Würde ich das so sagen? Manchmal hilft es mir auch, wenn ich den Satz tatsächlich laut ausspreche und mir vorstelle, eine Freundin säße mir gegenüber.

 

Das Frage-Antwort-Spiel

Immer dann, wenn sich unser Autorengehirn einschaltet, wird es für unsere Figuren schwerer ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Das geschieht auch häufig genug in Dialogen. In diesem Punkt geht es jetzt um Fragen, auf die keine oder die falsche Antwort kommt. Der Autor wollte die Frage, aber die Figur will nicht antworten oder anders herum.

Das sieht dann zum Beispiel so aus:

„Ich habe so keine Lust auf die nächste Schulstunde. Der Beyerlein ist einfach nur ätzend … Hast er dir nicht eine Fünf gegeben?“

„Ich finde ihn auch total ätzend.“

Das sollte recht klar sein. Wenn die Figur eine Frage stellt, will sie auch eine Antwort, genau wie im echten Leben. Eine Aktion sorgt für eine Reaktion, was auch im nächsten Beispiel klar wird:

„Das war der absolute Wahnsinn. Sie fällt, das Essen fliegt durch die Luft und landet auf dem Kopf von Maria. Ich hätte mich wegschmeißen können.“

„Hast du die Schuhe von Deichmann?“

Ich stelle das jetzt mit Absicht etwas überspitzt dar, aber es passiert tatsächlich sehr oft beim Schreiben, dass wir dem Dialog nicht seinen Lauf lassen, sondern eingreifen und das Thema wechseln. Dabei müssen wir die Dialoge so schreiben, dass alle Fragen beantwortet werden und auf etwas, das gesagt wurde, immer eine passende Reaktion folgt. Wenn unsere Figuren sich sperren und so gar nicht auf das Thema kommen wollen, das wir beabsichtigen, müssen wir kreativ werden und dennoch muss der Dialog natürlich bleiben.

„Das war der absolute Wahnsinn. Sie fällt, das Essen fliegt durch die Luft und landet auf dem Kopf von Maria. Ich hätte mich wegschmeißen können.“

„Und anscheinend hast du auch etwas abbekommen“, sage ich lachend und deute auf Mirjas Schuhe.

Sie sieht den Ketchupfleck, verzieht das Gesicht. „Oh nein, scheiße, Mann. Ich hab die erst seit einer Woche und keinen Bock meine Mutter schon wieder zu Deichmann zu schleifen.“

Wie schon gesagt, hier geht es jetzt nicht um den Inhalt, sondern die Lösung an sich. Es gibt immer einen Weg als Autor das zu vermitteln, was die Geschichte vorantreibt, nur erfordert das manchmal etwas mehr Kreativität.

Abschließend bleibt zu sagen, dass Dialoge in Büchern, auch wenn sie reine Fiktion sind, immer aus dem Leben gegriffen sein sollten. Sie zeigen die Individualität unserer Figuren und geben ihnen ihre ganz eigene Stimme. Häufig hilft es, den Abschnitt, bei dem Unsicherheiten herrschen, laut vorzulesen, weil die Worte, die wir aufgeschrieben haben, letzten Endes genau das darstellen sollen: gesprochene Worte.

Text: Katharina Groth

Bild: Pixabay

2 thoughts on “Warum funktionierende Dialoge so wichtig sind

  1. Jacqueline says:

    Wow, vielen Dank für deinen Blogbeitrag, Katharina!
    Der ist wirklich sehr informativ! Ich werde versuchen, mir all das zu merken und hoffentlich auch umzusetzen 😀

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