Die Kurzgeschichte – die „kleine Schwester“ des Romans?

Kurzgeschichten sind die Paradedisziplin des Schreibens. Mit wenigen Worten so viele Emotionen und Gefühle zu vermitteln wie nur möglich, gelingt nicht vielen Autoren. Doch was macht die kleine Schwester des Romans so kompliziert und warum kann nicht jeder Autor automatisch auch spannende Kurzgeschichten aufs Papier zaubern?

Kurzgeschichten können aus 200 oder 2000 Wörtern bestehen und dennoch eine einfühlsame, spannende oder traurige Geschichte erzählen. Meist erscheinen Kurzgeschichten in themengebundenen Anthologien oder werden von regionalen Buchhandlungen ausgeschrieben. Aber auch Communitys wie Sweek rufen online immer mal wieder zum Schreiben von Kurzgeschichten auf.

Meist greifen Kurzgeschichten einen bloßen Augenblick des Geschehens auf. Anders als bei einem Roman bleibt dem Autor schlicht nicht der Platz, um seine Geschichte in den Kontext einzubetten, sodass die Idee der Geschichte meist losgelöst in der Luft schwebt. Man weiß als Leser oft nicht, was vorher passiert ist.

Eine weit verbreitete Faustformel, die eines der wesentlichen Merkmale einer Kurzgeschichte beschreibt, besagt: Eine Kurzgeschichte kann in einem Rutsch durchgelesen werden. Zweifelsohne lassen sich keine allgemeingültigen Kriterien für Kurzgeschichten aufstellen. Dennoch gibt es einige Dinge, die typisch für eine Kurzgeschichte sind.

Der Leser wird in die Handlung „hineingeworfen“, eine Einleitung wie in einem Roman ist praktisch nicht vorhanden. Oftmals ist die Erzählsprache einfach gehalten. Umgangssprache oder Dialekte sind häufig und unterstreichen die Nähe zum Leser. Viele Kurzgeschichten haben ein offenes Ende, lassen den Leser über viele relevante Dinge im Unwissenden. Sie fordern den Leser zum Mit- und Nachdenken auf. Der Leser wird oft mit dem Innenleben der Protagonisten konfrontiert. Beliebte Themen sind oft mit Konflikten belastet, die eine bestimmte Emotionen an den Leser transportieren sollen. Anders als in einem Roman gibt es nur wenige Figuren und die Handlung befindet sich meist an ein und demselben Ort.

Beschreibungen der Umgebung werden auf ein Minimum reduziert, sodass der Handlungsort und auch das Aussehen der Figuren oftmals von der Fantasie des Lesers abhängig sind.

Aber Kurzgeschichten haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem Roman – sie geben dem Autor meist Themen vor, die dieser sich selbst meist niemals ausgesucht hätte.

Plötzlich befindet man sich in Venedig, oder am Hindukusch, fliegt mit Hexen zum Blocksberg oder hat ein Rendezvous mit einem Vampir. Als Autor lernt man sich auf das Wesentliche zu beschränken. Jeder Satz muss tragend sein, kein schmückendes Beiwerk. Das kann ganz schön schwierig sein. Trotzdem lernt man als Autor durch sie unglaublich viel über den eigenen Schreibstil. Man kann sich selbst immer wieder neu erfinden und entdeckt unter Umständen völlig neue Genre. Aber auch für Hobbyschreiber wie mich ist das Schreiben von Kurzgeschichten wirklich hilfreich. Man lernt seine Ideen auf Papier zu bannen, ohne sich, wie bei einer Romanidee, um Kopf und Kragen schreiben zu müssen. Der Plot ist meist viel kürzer und weniger komplex, aber der Schreibspaß ist mindestens genauso groß!

Fazit: Kurzgeschichten werden meist zu Unrecht unterschätzt und sind keinesfalls nur die „kleine Schwester“ des Romans. Anthologien ermöglichen den Lesern ein Thema in verschiedenen Interpretationen genießen zu können. Außerdem kann man eine Kurzgeschichte auch bei einer kurzen Bus- oder Bahnfahrt lesen.

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