Perspektiven oder auch: die Nähe zu meiner Figur

Wie wähle ich die richtige Perspektive? Und warum ist das überhaupt so wichtig? Das Thema Perspektiven ist umfangreich und genauso frei, wie es uns beim Schreiben einschränkt. Es gibt Regeln die gebeugt oder gebrochen werden dürfen und andere, die einfach unerlässlich sind. Beim Schreiben sollten wir uns hierbei vor allem darüber im Klaren sein, dass unser größtes Ziel das Lesevergnügen des Lesers ist. Wie erreiche ich das? Das ist eigentlich recht simpel gesagt, auch wenn die Umsetzung meist etwas komplizierter ist. Der Leser empfindet Vergnügen, wenn ich ihm einen Text liefere, der gut lesbar und nachvollziehbar ist. Er hat Spaß daran sich meiner Figur nahe zu fühlen und ihr Handeln und Denken nachvollziehen zu können. Und genau diese beiden Punkte sind so eng mit der Perspektive verknüpft, dass die Wahl meines Erzählstils darüber entscheiden kann, ob der Leser mein Buch nach einigen Seiten zuklappt oder es unbedingt zu Ende lesen möchte.

In diesem Beitrag konzentriere ich mich auf die beiden Erzählperspektiven, die am häufigsten in der Belletristik Anwendung finden:

  • Der personale Erzähler
  • Der Ich-Erzähler

 

Wichtige Grundregeln zum personalen Erzähler:

 

  1. Der Erzähler schlüpft in eine oder mehrere Personen und erzählt die Geschichte aus deren Perspektive (aber in der grammatischen 3. Person). Er sieht nicht mehr und hört nicht mehr als diese Perspektivfigur.

Beispiel:

Falsch: Reegan lächelte breit und strahlte ihn mit Liebe in den Augen an.

Richtig: Reegan spürte, wie ein breites Lächeln an ihren Mundwinkeln zerrte und hoffte, dass er die Liebe sah, die ihren Körper durchströmte.

 

Warum ist das falsch?

Reegan sieht sich selbst nicht und kann daher auch nicht beurteilen, ob Liebe in ihren Augen liegt. Aber sie fühlt die Liebe und natürlich ist es ihre Hoffnung, dass es dem Gegenüber genauso geht. (Ein Beispiel, bei der ich mich im Übrigen an der Protagonistin meiner lieben Kollegin Jay El Nabahn bedient habe <3 )

 

  1. Die Perspektivfigur kann Geheimnisse vor dem Leser haben, die zum Beispiel in der Vergangenheit liegen. Die Gedanken der Figur sind so offen, wie sie es zulässt.

Beispiel:

Ihr Herz schlug schneller und kurz kam ihr der Abend vor drei Jahren in den Sinn. Dieser eine Abend, der alles verändert hatte.

„Stimmt irgendetwas nicht?“ Jan hob eine Augenbraue.

„Nein, alles okay.“ Sie würde es ihm niemals erzählen. Dieses Geheimnis würde auch eines bleiben.

 

  1. Die Erzählfigur bezeichnet sich nur als: er/sie und ‚Name der Figur‘. (Sie ist niemals: der Mann/ die Frau/ der Kommissar/ die Tante/ das Enkelkind/ die Tochter etc. wenn sie von sich selbst erzählt oder sich selbst bezeichnet)

Beispiel:

Falsch: Cora griff nach der Hand des Kindes und drückte sie fest. Wenn ihre Mutter das tat, fühlte sie sich sicher. (Perspektive: die Tochter Lena)

Richtig: Sie griff nach Lenas Hand und drückte sie fest. Wenn ihre Mutter das tat, fühlte sie sich sicher.

 

Falsch: Das Mädchen stieg unter die Dusche und stellte das heiße Wasser an.

Richtig: Lena stieg unter die Dusche und stellte das heiße Wasser an.

Für den Leser wirkt dieser Fehler in dem Moment so, als würde man sich von der Figur entfernen. Teilweise stiftet es sogar so weit Verwirrung, dass der Leser gar nicht weiß, um wen es denn gerade geht und ob eine zusätzliche Figur auf der Bildfläche aufgetaucht ist. Das wäre in etwa so, als wenn man sich mit einer Freundin/ einem Freund unterhält und ihm auf diese Art davon erzählt, dass man die Chipstüte leergegessen hat:

Die Frau ist zum Schrank gegangen, hat die Tüte rausgenommen und sie leergegessen.

Da fragt man sich: welche Frau und was macht die in meiner Wohnung? Das ist natürlich nur ein Vergleich, um die Wirkung etwas überspitzt darzustellen.

 

  1. Es gibt keine Erzählerkommentare, wie man sie vom auktorialen Erzählen kennt. Und keine Bewertung der Lage aus Sicht des Erzählers, sondern nur das was deine Figuren sehen und wissen:

 

Beispiel:

Falsch: (Reegan begegnet den Menschen zum ersten Mal) Die Menschen hatten seit Wochen nichts getrunken und gegessen.

Richtig: Ihre Gesichter wirkten ausgezehrt und mager. Die Lippen waren spröde, aufgesprungen und schrien förmlich nach Wasser. (siehe auch, nächster Punkt)

 

  1. Mutmaßungen vom Perspektivträger, müssen durch Handlungen für den Leser klar und nachweisbar belegt werden. (Was gibt meiner Figur Anlass diese Vermutung zu unternehmen?)

 

Beispiel:

Falsch: Cael verlor beinahe das Gleichgewicht.

Richtig: Cael ruderte heftig mit den Armen und Reegan fürchtete, dass er das Gleichgewicht verlieren würde.

(dadurch, dass er mit den Armen rudert, wird klar, warum Reegan das vermutet. Aber das Gefühl, dass man das Gleichgewicht verliert, kann nur derjenige spüren, der es auch erlebt. Und wir erleben die Geschichte durch Reegans Augen.)

 

Grundregeln zum Ich-Erzähler:

 

  1. Der Erzähler schlüpft in eine Person und erzählt die Geschichte aus deren Perspektive (aber in der grammatischen 1. Person). Er sieht nicht mehr und hört nicht mehr als diese Perspektivfigur.

Ha! Etwas gemerkt? Nein, ich habe mich nicht einfach Copy&Paste bedient, es stimmt tatsächlich die beiden Perspektiven ähneln sich, bis auf einige kleine Details, die am Ende entscheidend sein können. Als ich das erste Mal einen Roman in der Ich-Perspektive verfasst habe, habe ich danach gesagt, dass ich es nie wieder tun würde. Ich habe mich durch die Perspektive eingeengt gefühlt und hatte irgendwie den Gedanken, dass das alles beim personalen Erzähler viel besser werden könnte. Doch da habe ich mich geirrt, denn wie man sieht, legt man sich hier dieselben Regeln auf. Ich bin dennoch an die Bewusstseinsebene meiner Figur gebunden. (sehen/hören/fühlen/wissen)

 

Wo liegt der Unterschied?

Der Unterschied wird beim Schreiben relativ schnell klar, weil man als Ich-Erzähler schon als Autor sehr viel tiefer in seiner Figur steckt. Genau so wird es dem Leser auch gehen. Er erlebt als das „Ich“ die Geschichte und greift auf 100 % der Figur zu. Während der personale Erzähler auch mal Geheimnisse vor dem Leser haben kann, ist das beim Ich-Erzähler eher schwierig umzusetzen. An dieser Stelle gehe ich nicht tiefer auf diese Perspektive ein, weil sich so viel mit der personalen Variante gleicht.

 

Perspektivwechsel

An diesem Punkt scheiden sich die Geister ein wenig. Während man beim personalen Erzähler unbedingt anrät die Perspektiven zu wechseln, ist es beim Ich-Erzähler eher so, dass empfohlen wird, eine Perspektive beizubehalten. Das liegt unter anderem daran, dass man beim Leser keine Verwirrung stiften möchte. Er liest sich so tief in die Figur in der Ich-Perspektive ein, dass es ihm schwer fallen wird, sich davon zu lösen und auf einen weitere Figur einzulassen. Hier bin ich persönlich innerlich zwiegespalten und rate durchaus dazu auch einmal mit dieser Regel zu brechen. Wenn der Perspektivwechsel gut umgesetzt wird und die verschiedenen Erzählstränge nicht überhand nehmen: warum nicht? Schreiben lebt von Vielfältigkeit und ist letzten Endes Kunst. Wenn wir nicht ab und an aus der Norm ausbrechen, malen wir irgendwann alle dieselben Bilder. Also wagt es ruhig, wechselt die Perspektiven, kombiniert Erzählperspektiven miteinander (einen Erzählstrang als personaler Erzähler, einen als Ich-Erzähler) und schaut was ihr am Ende habt.

Doch natürlich gibt es auch hier eine Regel, die wichtig ist, um die Perspektiven optimal umzusetzen und für den Leser eine gute Lesbarkeit zu garantieren.

 

  • Ein Wechsel der Perspektive kann nur dann erfolgen, wenn ein klarer Bruch im Text ersichtlich ist, nicht innerhalb eines Abschnitts. (unterschiedliche Kapitel/ Absätze, die markiert sind etc.)

 

Warum ist das wichtig?

Der Leser braucht Gelegenheit, um durchzuatmen und die Bereitschaft sich auf die neue Perspektive einzulassen, dafür ist ein Bruch unerlässlich. Findet er diese Brüche nicht, kann es passieren, dass er sehr schnell die Lust am Lesen verliert.

Ich glaube, ich könnte bei diesem Thema noch diverse Seiten füllen, aber ich denke, ich konnte das Wichtigste zusammenfassen. Fakt ist: man kann viel falsch machen bei Perspektiven, aber wenn es uns gelingt uns einen Tunnelblick zuzulegen, uns ganz auf unsere Figur einzulassen, dann wird alles ein wenig leichter.

 

Text: Katharina Groth

Bild: Pixabay